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20. Januar 2000

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Die Literarizität Erich Kästners
Erich-Kästner-Symposion
Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität am 3. und 4. Dezember 1999

 

      Erich Kästner wird viel gelesen, wurde aber lange Zeit wissenschaftlich wenig analysiert. Nicht selten begnügte man sich mit biographischen Deutungen oder politischen Positionszuschrei-
      bungen. Die Literarizität Kästners geriet  ins Hintertreffen. Das Symposion hat sich ausdrücklich dem Literarischen an Kästners Werk zugewendet. Es wurde versucht, neue Zugänge zu Kästner Romanen, Kinderbüchern, Gedichten und Filmen zu finden -  neue literarische Zugänge.

 

 Die “Literarizität Erich Kästners” war Thema eines Symposiums, das unter der Leitung Volker Ladenthins am 3. und 4. Dezember 1999 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-
Universität, Bonn, stattfand. Am Ende des Kästner-Jahres (Erich Kästner wurde vor 100 Jahren, am 23. Februar 1899, in Dresden geboren) diskutierten Pädagogen, Didaktiker, Kinder- und Jugendbuchforscher sowie Literaturwissenschaftler über neue Möglichkeiten, Kästner zu lesen und jungen Lesern zugänglich zu machen.

Walter Schmitz (Dresden) sprach über den “Schriftsteller Erich Kästner in der ‘Inneren Emigration’” und entdeckte in den Romanen “Drei Männer im Schnee” (1934) und “Der kleine Grenzverkehr” (1938) “Doppelgänger und Verwechslungsspiel”. Damit gab Schmitz für diese Romane, die durchweg als Flucht vor den politischen Verhältnissen in die Unterhaltung verstanden worden sind, eine problemgeschichtliche Perspektivierung, die Parallelen etwa zu Brecht (“Der gute Mensch von Sezuan”, “Mann ist Mann”) und Feuchtwanger plausibel macht.

Die Vorworte zu populären Kinderbüchern Kästners stellten zwei Vorträgen ins Zentrum. Hans-Heino Ewers (Frankfurt/M.) fragte nach Formen und Gründen der “Autorinszenie-
rungen im kinderliterarischen Werk Kästners”; der Erfolg der Romane als Produkte der Medienindustrie, insbesondere also die Verfilmung des “Emil”-Romans, von der Kästner weitgehend ausgeschlossen war, habe dazu geführt, daß “Kästner” in den Vorworten nachdrücklich als auktorialer Erzähler und in den Romanen wiederholt als Figur auftrete. “Der Autor als Held” beanspruche in diesen Inszenierungen seine Werkherrschaft. Daß und wie Kästner um 1930 in seinen Kinderbüchern das Literarische gegenüber medialen Darbietungsformen wie Zeitung und Tonfilm vertritt, zeigte
Eckehard Czucka (Osna-
brück) am Beispiel zweier Romaneingänge: in “Pünktchen und Anton” werde mit dem Ziel einer literaturgeschichtlich fundierten Lese(r)schulung implizit Bezug u.a. auf A. Holz und G. Keller genommen, während in der Einleitung zu “Emil und die Detektive” eine erzähltheoretische Reflexion an einer emblematisch strukturierten Bilderreihe verifiziert werde.

Thomas Althaus (Münster) und Klaus Doderer (Frankfurt/M.) behandelten die Lyrik Kästners. Doderer fragte nach “Erich Kästners Sein und Zeit” in “seiner späten Lyrik”. Darunter seien alle Gedichte nach 1945 zu fassen, die in der neuen Werkausgabe nicht chronologisch, sondern nach Genres geordnet präsentiert werden. Anhand ausgewählter Beispiele skizzierte Doderer einen nach 1945 zunehmend resignierenden Kästner, dem, wie an dem Gedichtzyklus “13 Monate” exemplarisch aufgewiesen werden könne, die Natur Bilder der Vergänglichkeit und des unaufhaltsamen Verrinnens der Zeit geliefert habe. “Kästners lyrischer Reduktionismus” - so Thomas Althaus in seiner Revision der frühen Gedichte Kästners - integriere die große Katastrophe so in den Alltag, daß sie immer noch einen Reim ergibt; es sei zwar eine Lyrik wider besseres Wissen, aber sie setze sich als Zweck, daß man sich kein Leid antue. “Halb so schlimm” laute darum der Trost des begrenzten Bewußtseins, doch nur das Unzureichende der kleinen Lösungen gebe noch einen Maßstab zur Beurteilung auch des Bedrohlichen. Zur Erkenntnis dieser Lyrik gehöre wesentlich die Beschneidung des Erkenntnisanspruchs.

An drei Unterrichtsversuchen, die Kästner-Texte zum Ausgang nahmen, zeigte Bernhard Meier (Chemnitz) Möglichkeiten und Grenzen eines handlungs- und produktionsorien-
tierten Literaturunterrichts auf. Literarische Spurensuche (Kästners Autobiographie und Dresden; Emil in “Berlin und andernorts”) fördere durch Selbsttätigkeit der Schüler Fähig-
keiten wie Texterschließungskompetenz und Verstehen, sei aber wegen des erheblichen Zeitaufwands nicht immer problemlos in den Schulalltag zu integrieren.

In einer Abendveranstaltung las und kommentierte Lothar Martin (Bonn) Gedichte aus der ‘Lyrischen Hausapotheke’.

Die Vorträge werden im Erich Kästner Jahrbuch Bd. 2, das Anfang 2001 erscheinen soll, veröffentlicht.

Anfragen an die Herausgeber und Bestellungen zur Weiterleitung hier
webmaster@czucka.de 

 

Kurzfassung gedruckt in Fachdienst Germanistik Nr. 2, 2000

19.Januar 2000

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