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20. Januar 2000

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              Vielleicht wäre es genug, hier zu sagen, jene Gegenstände wären praeter nos, etwas von uns Verschiedenes - das, sollte man denken, wäre das einzige, was wir empfinden könnten. Daß sich aber dieses praeter nos in ein extra nos verwandelt, daß wir damit Entfernung von uns im Raume verbinden, und damit verbinden müssen, das scheint das notwendige Erfordernis unserer Natur zu sein. […] Ob ein Objekt das sein kann, was es einem andern zu sein scheint? Diese ganze Frage ist schon wieder Anthropomorphismus. Denn wie empfindende und denkende Wesen von Objekten außer ihnen affiziert werden können, wissen wir ja nicht, und können es nicht wissen. In dieser Lage der Dinge ist es das Klügste, was wir tun können, bei uns stehen zu bleiben, unsere Modifikationen zu betrachten, und uns um die Beschaffenheit der Dinge an sich gar nicht zu bekümmern.

              Lichtenberg, Sudelbücher, K 64

 

Gegenstand der Literaturwissenschaft?

Drei Rückfragen

 

Das Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft 1998 veröffentlichte aus einer insgesamt größeren Zahl von Einsendungen (s. Schiller-Jb., S. 457) sieben Antworten auf die Frage “Kommt der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden?”. Darin wird Verschiedenstens genannt, teils sich Ergänzendes, teils sehr Disparates. Alle Antworten sind sich jedoch in einem einig und darin vergleichbar: auf die Frage nach dem abhanden kommenden Gegenstand der Literaturwissenschaft reagieren sie mit der Angabe von “Gegenständen”; genannt werden sowohl neue Inhalte oder aktuelle methodische Ansätze als auch wissenschaftsgeschichtlich bekannte Konzepte. Zusammengenommen entwerfen die Antworten so etwas wie eine Revue rezenter Themen und Forschungskonzepte aus dem Umkreis einer sich etablierenden ‘Kultur- und Medienwissenschaft’.

 

1. Rückfrage: Kann auf die Frage nach dem Gegenstand einer Wissenschaft mit Aussagen über den Kanon inskünftig zu traktierender Stoffe und das Repertoire fürderhin zu verwendender Methoden geantwortet werden, indem auf einen Fundus von Texten und ein Arsenal von Arbeits- und Untersuchungsweisen verwiesen wird?

Der Begriff “Gegenstand” selbst bietet eine eigentümliche Schwierigkeit, die weder mit einer definitorischen Fixierung noch mit wissenschaftspolitischen Vereinbarungen aus der Welt zu schaffen sein wird. Verabredungen über Themen und Methoden, Autoren und Epochen, Forschungsdesigns und Neue Medien verhandeln nicht schlechterdings über vorfindliche Dinge oder Sachen, sondern konstituieren erst in der Bildung des Begriffs etwas scheinbar Gegebenes als Gegenstand. “Im allgemein-
sten Sinne”, so sagt Eisler in seinem Begriffslexikon, “ist Object oder Gegenstand das Correlat zur subjectiven Tätigkeit, das, worauf sich diese »richtet«, das vom Tun und Wollen in Angriff Genommene, zu Bearbeitende, zu Realisierende.”1 Dieses korrelative Moment, über dessen Herausbildung die Begriffsgeschichte sehr genaue Auskunft geben kann, erlaubt es überhaupt, eine Frage so zu formulieren, wie sie in diesem Fall gestellt wurde, nämlich, ob der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden komme. Denn die Objekte und die Wissenschaft sind in dem Terminus ‘Gegenstand’ in ein wechselseitiges Bedingungsgefüge gesetzt, jedenfalls bei einem strengen Gebrauch des Begriffs ‘Gegenstand’; dieses korrelative Moment hat die Fragestellung in dem Possessivpronomen ‘ihren Gegenstand’ explizit gemacht.

Die begriffliche Disziplin, die erforderlich ist, um diese Nuancierungen argumentativ zu realisieren, kann nicht ohne weiteres eingefordert werden, da selbst in philoso-
phischen Kontexten die alltagssprachlich-ungenaue Bedeutung realisiert wird. In solchem Gebrauch fehlt dem Begriff ‘Gegenstand’ das Moment der Korrelation gänzlich, so daß ‘Gegenstand’ regelmäßig als Synonym für ‘Ding, Sache’ gebraucht wird.

Genau in diesem Quidproquo konvergieren, bei allen sonstigen Differenzen, die bisher erteilten Antworten stillschweigend: auf die Frage nach dem “Gegenstand der Literaturwissenschaft” replizieren alle Beiträger(innen) mit der Nennung von ‘Gegen-
ständen’, also mit der Aufzählung von Sachen resp. Dingen: “Text”, “Medien”, “Kul-
tur”, “Weltsprache der Literatur”, “Philologie” oder “Medienkulturwissenschaft” etc. - so lauten die Antworten auf die Frage nach dem Gegenstand, und daß damit ‘Sachen’, also Bücher und Filme, Gattungen und Genres, Literaturen und Schreib-
gemeinschaften, gemeint sind, wird in manchen Fällen explizit, bleibt in anderen Bei-
trägen ungenannt, aber eruierbar. Ausgehend von dem Wort ‘Gegenstand’ sprechen alle von den Sachen und Dingen so, als seien diese schon der Gegenstand selbst und nicht nur seine Konkretisierungen. Diese schlechte Konkretheit ist letztendlich eine Verdinglichung.

Blickt man genauer auf die statements und Plädoyers der ersten Antwortrunde, dann ist festzustellen: alle Beiträge sprechen entweder über Kanonprobleme oder über Methodenpluralismus, so als schrieben wir das Jahr 1967 und hätten mutatis mutan-
dis Hermands “Synthetisches Interpretieren” und die Erfindung des ‘erweiterten’ Literaturbegriffs mitsamt ihren Folgen noch einmal vor uns. Pars pro toto: Bach-
mann-Medick handelt in ihrem Beitrag (Schiller-Jb. 1997, S. 463-469) gegen Ende ausdrücklich vom “Kanon” (469) unter Bezug auf eine vorangestellte Prämisse, die Goethes Vorstellung von einer Weltliteratur ins Globale hinein verlängert. Unter dem Titel der “Horizonterweiterung” verrechnet sie Goethes “allgemein-geistigen Handel” (463) mit der “Ortlosigkeit der Massenkommunikation” (463) und dem Vordringen “postkolonialer Literaturen” in den Kalkulationsschemata, die auf dem “globalen Weltmarkt” (464) gelten. Als Ertrag verbucht sie neue Autoren (wie Amintav Ghosh und Salman Rushdie) und neue Gattungen (etwa den “ethnographisch-fiktionalen Reiseroman” am Beispiel des “Rub Al-Khali” von Michael Roes).

Wie diese verstellt jede der fakten- und kenntnisreich detaillierten Antworten - gerade durch die Fülle der Einzelheiten - den Kern der Frage: Was ist “Gegenstand” einer Wissenschaft?

 

2. Rückfrage: Wem kommt der Gegenstand abhanden?

Gefragt war nicht, ob die Literaturwissenschaftler(innen) etwas vermissen; die Fragestellung, so wie sie im Schiller-Jahrbuch 1997 formuliert worden ist, lautet: Kommt der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden?

Vom Gegen-Stand, dem obiectum, aus wäre der Stand, den die Wissenschaft einnimmt oder einnehmen wird, in den Blick zu nehmen. Gegenstand, obiectum, kann - in einer Formulierung Glockners gesagt - “Alles und Jedes”2 sein; Gegenstand der Literaturwissenschaft ist jedoch nicht die Summe von Themen und Methoden, die sich per Akklamation als consensus omnium bildet, sondern - die Frage lautet ja ausdrücklich so - “ihr Gegenstand” ist alles, was dem wissenschaftlichen Bemühen ent-gegen-steht.

Darum besteht ein notwendiger, unverzichtbarer, aber bisher nicht gegebener Teil der Antwort daraus, daß die Literaturwissenschaft, auf der Suche nach ihrem Gegen- Stand, sich vergewisserte, welchen Stand sie sich selbst zugesteht bzw. welchen sie - ihrem Gegenstand gegenüber - einzunehmen gedenkt. (Hegels “Enzyklopädie” findet in analoger Situation die glückliche Wendung von der “Stellung des Gedankens”.) In der Frage, ob der Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden kommt, liegt ver-
borgen die Frage, ob die Wissenschaft von der Literatur ihren Stand verlieren könnte oder gar schon verloren hat. Die vollständige Version der Frage müßte also wohl lauten: Ist der Literaturwissenschaft ihr Stand und damit ihr Gegenstand abhanden gekommen?

Daß der Gegenstand nicht schon mit dem bloßen Vorhandensein von Dingen ge-
geben ist, ist begriffslogisch zwingend, aber auch an Beispielen demonstrierbar: Die Pyramiden von Gizeh sind ein solcher Gegen-Stand, den wir als Sache, nämlich als Agglomeration von Steinen, die ein touristisches Ziel abgeben, zwar noch haben, zu dem wir aber nur rudimentär den Stand kennen, von dem aus Pyramiden für ihre Erbauer im strengen Sinne Gegenstand waren. Darum haben wir sie heute nur noch als Gegenstand der Archäologie, der Ägyptologie und auch der UFO-Logie.

Für den Fall, daß die Literaturwissenschaft nicht mehr in einem emphatischen Sinne die Literatur als ihren Gegenstand begreifen will (oder zu begreifen imstande ist), sind zwei Möglichkeiten absehbar: zum einen möchte mit dem Stand literaturwissen-
schaftlicher Perspektivierung - nein, nicht Literatur selbst - aber die Literatur als der Gegenstand einer bestimmten Fragestellung verschwinden, weil sie bedeutungslos und damit (jedenfalls im Horizont eines uns bislang wichtigen Umgangs mit diesem Gegenstand) undeutbar geworden sein wird. Dies wäre ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Goethe am Ende der “Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten” mit dem ‘Märchen’ realisiert zu haben hoffte, als er in diesem Text die Aufgabe gelöst sah, bedeutend und deutungslos zu sein (Brief an Humboldt, 27. Mai 1796). Übrig bliebe in diesem Fall eine Ruinenlandschaft, in der literarische Werke als Trümmer herumliegen. Wahrscheinlicher ist aber, daß eine Literaturwissenschaft, die sich ihres Gegenstandes nicht mehr versichern kann, den Sozialwissenschaften oder der Ethnologie oder der Altertumskunde als ein Teilgebiet eingemeindet wird und die Stellung einer archäologischen Hilfswissenschaft zugewiesen bekommt, zuständig für die Untersuchung der Beschaffenheit von Datenträgern, die Entzifferung des Ge-
schriebenen und dessen ordnungsgemäße Verwahrung; die Deutung wird dann eben an anderen Orten vorgenommen werden, an dem die Bedeutungen eine Rolle spielen, und wenn es der Wald aus Bradburys “Fahrenheit 451” sein sollte, durch den Gestal-
ten wandeln, die vor sich hin murmelnd nichts mehr als den Wortlaut literarischer als bedeutungsvoller Texte im Gedächtnis bewahren.

 

3. Rückfrage: Was unterscheidet den Gegenstand der Literaturwissenschaft von gleich benannten Gegenständen anderer Wissenschaften?

Das Leiden, das die Fragestellung initiiert hat, liegt, wie Barner ausführlich und ein-
drücklich beschrieben hat, zuerst und zuletzt darin, daß andere Wissenschaften und Methodenkonzepte, die Kultur- wie die Medienwissenschaft, die Diskursanalyse wie der New Historicism, sich des Textbegriffs bemächtigt haben. Damit wähnt die Lite-
raturwissenschaft sich des letzten mehrheitsfähigen Begriffs beraubt, des allerklein-
sten gemeinsamen Nenners ihrer Tätigkeitsabgrenzung, zu der sich das Fach in den vergangenen Jahrzehnten verstehen mochte.

Nun könnte man sich ja damit beruhigen, daß die Metapher von der “Lesbarkeit der Kultur” ebenso nur eine Metapher ist wie die Wendung “Kultur als Text” eine dis-
kussionswürdige Gleichsetzung bleibt (Schiller-Jb. 1997, S. 6); in beiden Fällen be-
dienen sich neue Disziplinen oder Forschungsrichtungen einer alten, vom Gewebe auf sprachliche Gebilde übertragenen Vorstellung vom Text und von der Lesbarkeit seiner Textur. Solche Begriffswandlungen und -übernahmen sind keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Weiterhin könnte man sich beruhigen, daß der eigenwillige Ge-
brauch von Metaphern als Termini durchaus in die Verantwortung der jeweiligen Wissenschaft fällt, die auf einem derartigen, möglicherweise einem unsicheren nomenklatorischen Terrain ihre Lehrgebäude aufführt.

Warum also beunruhigt sich die Literaturwissenschaft, wenn andere Wissenschaften ihre Gegenstände als ‘Texte’ verstehen wollen? Ist dies nicht eher eine Reverenz vor den altehrwürdigen Text- und Auslegungswissenschaften? Vollzieht sich nicht eine Rückkehr ad fontes, wenn ehemals (ihrem Selbstverständnis nach) faktenorientierte Disziplinen jetzt ihre Gegenstandstrukturierungen als Text verstehen (wollen oder gar müssen)?

In dieser Situation käme es doch allein darauf an, die Differenz des Zugriffs für sich selbst und für alle anderen deutlich zu akzentuieren. Es mag ja sein, daß “baline-
sische Hahnenkämpfe”, afrikanische Hochzeitsrituale und alle anderen “ethnologi-
schen Realitäten” mit gleichem Recht als Text zu betrachten sind wie Dantes “La Divina Commedia”, Shakespeares Sonette und Musils ‘Mann ohne Eigenschaften’. Es mag ja sogar sein, daß sich auch und gerade an literarischen Texten Themen wie Hexenjagd oder Hypertext demonstrieren lassen. Doch hätte dann und gerade unter diesen Voraussetzungen die Literaturwissenschaft deutlich zu machen, daß sie an nichts anderem als der sprachlichen Textur dieser Texte interessiert ist. Und desweite-
ren wäre zu verdeutlichen, daß es der Literaturwissenschaft um Texte nur insoweit geht, als deren Textur nicht unter anderem und nur beiherspielend sprachlich ist; also, daß die Sprache die bestimmende Intention solcher Texte ist, für die die Literatur-
wissenschaft Interesse aufbringt und für die sie sich zuständig fühlt.

Die Sprachlichkeit der Literatur ist ein Stand, von dem aus gesehen nicht alle, sondern nur ganz bestimmte Texte Gegen-stand der Literaturwissenschaft sein können. Welche das im einzelnen sind, welche also Gegenstand der Literatur-
wissenschaft sein können, darüber wird je und je und immer wieder - wie etwa bei Gelegenheit dieser Umfrage - gesprochen werden müssen, aber das Kriterium wird dann das Verhältnis dieser Texte zur Sprache sein: es rangiert metaphorische Qualität vor begrifflicher Präzision, Ambiguität vor Eindeutigkeit, intensives Sprechen vor umgangssprachlicher Beiläufigkeit. Zum Gegenstand der Literaturwissenschaft taugen nur solche Texte, die ihr Interesse nicht auf die Existenz der verhandelten Themen und behandelten Dinge und Sachverhalte richten, sondern die an den Möglichkeiten von Wörtern und Sätzen bei Gelegenheit von Themen, Sachverhalten und Dingen interessiert sind. Unter diesem Aspekt sind thematische Ausrichtung, Sachorientierung und Handlungslenkung als einzige oder hauptsächliche Textinten-
tion Einschränkungen, die Texte aus dem Gegenstandsbereich einer Literatur-Wis-
senschaft ausschließen.

“Der Mensch lebt mit den Gegenständen hauptsächlich, ja, da Empfinden und Han-
deln in ihm von seinen Vorstellungen abhängen, sogar ausschliesslich so, wie die Sprache sie ihm zuführt.”3 Dieses Diktum Humboldts hat im Hinblick auf die Frage-
stellung konstituitive wie resultative Qualität: Gegenstand der Literaturwissenschaft ist jeder Text, der seinen Gegenstand so und nur so hat, “wie die Sprache sie ihm zuführt”.

In diesem Sinne ist Literatur Gegenstand der Literaturwissenschaft; denn wir spre-
chen ja - zu Recht - nicht von verschiedenen Literaturen als jeweiligem Gegenstand einer jeweils zuständigen Literaturwissenschaft. Darum auch ist die Konzeption einer Weltliteratur nicht eine Kanonfrage, sondern ein Moment der Konstitution unseres Gegenstandes, der nur insoweit einer sein kann, als er trotz der Verschiedenheit der Sprachen dennoch hinsichtlich der Sprachlichkeit seine Einheit hat.

1 Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Bd. 2. 2. Aufl. Berlin 1904. S. 1. Zitiert nach Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 2053. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 14315 (vgl. Eisler-Begriffe Bd. 2, S. 1.
2 Glockner, Hermann: Gesammelte Schriften. Gegenständlichkeit und Freiheit […] 1: Fundamental-
philosophie. 1963. S. 43.
3 Humboldt, Wilhelm von: Ueber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. In: W.v.H.: Werke in fünf Bänden. Hrsg. von Andreas Flitner und Klaus Giel. Bd. 3: Schriften zur Sprachphilosophie. Darmstadt 1963. S. 368-756, hier: 434.

Erstellt am 19.Januar 2000

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